Motorenhalle. Projektzentrum für zeitgenössische Kunst

17. dresdner schmalfilmtage /// 21. - 23. Januar 2016
festival für 8- und 16 mm film

„Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten; Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen“ Emma Lazarus - Inschrift der Freiheitsstatue in New York Zu Lande, zu Wasser und in der Luft – 2016 schlagen die dresdner schmalfilmtage die Räder ab vom Wagen und halten Ausschau nach den Wanderungs- und Sammlungsbewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Was folgt 240 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auf den Weckruf GO WEST, dem Abermillionen Europäer folgten? Was auf Krieg, Arabellion und Festung Europa? Das Festival begibt sich auf Spurensuche in Paris, Athen, Hamburg. Es beleuchtet Kriegszustände, Architektur, neue und alte Utopien des Raums und schaltet die haptischen Bilder mit der Idee von Liberté, Égalité, Fraternité kurz.

Abgrund und Aufbruch – Neues von der Sozialen Plattform Schmalfilm

Wie reagieren junge Filmemacher auf die Krise, auf die Rhetorik des „Unvermeidlichen“, die „Alternativlosigkeit“, auf eine Welle der Ästhetik, die nicht nur die „Langsamkeit“ des analogen Bilderherstellens, sondern überhaupt ganze Ästhetiken einer seit nunmehr fast 100 Jahren agierenden Filmkunst zu überrollen scheint? In der 17. Ausgabe des Festivals bewegen sich die dresdner schmalfilmtage von verschiedenen Seiten auf diese Frage zu.

Unter anderem mit dem LabA aus Athen und der Kooperative L‘Abominable aus Paris, beides Super8/16mm-Labore/Plattformen, in denen Menschen unterschiedlichster Nationalität und Profession den Staffelstab unabhängiger analoger Filmproduktion weitertragen.
„Gegen Geschmacksdiktatur der Konzerne. Gegen Fesselung der künstlerischen Gestaltung durch offene und verkappte Zensur!“ – Diese Zeilen finden sich bereits auf einem Plakat aus dem Jahr 1930, das „Filmfreunde“ in Deutschland dazu aufruft, sich der „Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Machtgruppen“ zu entziehen und der neu gegründeten „Liga für den unabhängigen Film“ beizutreten. Die Unterzeichner: der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der Komponist Paul Hindemith, die Filmemacher Hans Richter, Walter Ruttmann – heute allesamt Ikonen der Moderne.

Eine, die seinerzeit maßgeblichen Anteil daran hat, dass sich Avantgarde- und Experimentalfilme in Deutschland etablieren, ist die Film-Pionierin Ella Bergmann-Michel. In gerade mal drei Jahren, von 1930 bis 1933, entsteht ihr eigenes Werk. 1933 wird sie beim Drehen vor einem Wahllokal verhaftet, ihre Filmrollen beschlagnahmt. Bis 1945 kann keiner ihrer Filme mehr öffentlich gezeigt werden.

Hätte den Athener Angelos Papanastassiou 1941, vor 75 Jahren jemand dabei erwischt, wie er mit seiner 16mm-Kamera das unfassbare Elend der Griechen nach der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht aufzeichnet, er hätte diesen Film mit dem Leben bezahlt. 1947 werden seine Aufnahmen Beweisstücke bei den Nürnberger Prozessen, Dokumente eines bis dato nicht vorstellbaren systematischen Kriegsverbrechens.

„Verwische die Spuren“ schrieb einst Bertolt Brecht in seinem „Lesebuch für Städtebewohner“, nicht ahnend, in welchem Maße andere wenig später die mörderischen Spuren ihrer Täterschaft zu verbergen suchen.

Diese Spuren der Geschichte aufzuspüren, sie zu kontrastieren mit filmischen Zeugnissen von Utopien, Träumen, Modellen – damals wie heute – das ist der Versuchsaufbau der 17. schmalfilmtage 2016. Treten Sie ein, Seien sie willkommen, werfen sie die Leinen von Bord! 

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