“Vamos a la playa!” – Urlaub mit Diktatoren. Künstlerische Reflexionen zwischen Urlaub, Freiheit und Repression


Ausstellungdauer: 5.2.-7.5.27, Motorenhalle und Runde Ecke Dresden
Wie erlebt man eine Diktatur oder ein autokratisches System in seinem Urlaub? Ab den 1960er Jahren entwickelte sich vor allem im Süden und Südosten Europas der Massentourismus. So schossen am Mittelmeer wie auch am Schwarzen Meer Bettenburgen aus dem strandnahen Boden. Neben ökomischen Überlegungen standen immer auch propagandistische Ideen Pate.
In der Systemkonkurrenz sollte der Sozialismus mit den Ferienmöglichkeiten vorgeblich für alle Werktätigen seine Überlegenheit zeigen. Im Franco- Spanien, hier Beispiel für eine westliche Autokratie, sollte ein positives und stereotypes Bild des Landes vermittelt werden. Beiden gemeinsam: Tourist:innen aus demokratischen westlichen Ländern sollten als Botschafter:innen positiver Erfahrungen dienen, lenkten damit von der Unterdrückung ab und machten die besuchten Länder salonfähig.
Reiste man als Bürger eines Landes des Ostblocks im Urlaub ins Ausland, kam man fast immer in eine sozialistische Diktatur mit einer etwas anderen Ausprägung, als im eigenen Land – sofern man nicht die Chance hatte, in einem westlichen Land zu urlauben. Urlauber aus dem Westen kamen wiederum auch in diese Diktaturen.
Gab – und gibt – es Möglichkeiten für Urlaubende, eine Diktatur als solche oder als Autokratie wahrzunehmen? Spiegelt sich diese Wahrnehmung in den Werken von Künstler:innen, die entweder als Kinder oder Jugendliche mit ihren Familien ihre Ferien in Spanien oder einem Land des Ostblocks verbrachten oder später, bis in die Gegenwart, in einem diktatorisch regierten Land? Haben diese Künstler:innen die Diktatur und ihre Ausprägungen in ihrem Urlaub wahrgenommen? Auch heute kann man, aus einem relativ freien Land kommend, Ferien in einer Diktatur oder Autokratie machen. In vielen Teilen der Welt. Ist das ein persönliches Erleben im falschen gesellschaftlichen Kontext? Es geht bei Ausstellung und Programm nicht um eine Gleichsetzung unterschiedlicher Diktaturen, wohl aber darum, historische und gegenwärtige Kontexte zu verdeutlichen, zu vermitteln und zu diskutieren.
Künstler:innen setzen sich mit unterschiedlichen Phänomenen von Tourismus in diktatorischen Systemen auseinander. Damit ist ein sinnlicher wie intellektueller Zugang zum Thema gegeben. Sprache, auch verbotene Sprache spielt in Werken eine Rolle. Andere Arbeiten reflektieren illegale Reisen durch die Sowjetunion, Kurferien als Kind auf einer Adriainsel, Erinnerungen eines tschechischen Künstlers zu Familienurlauben in Heimen der Armee, der Besuch einer Jugendlichen aus Köln in Bautzen bei einer Familie, die gegenüber Bautzen II wohnte, der Besuch auf Kuba aus Argentinien in den 1960er Jahren, die Verquickung von Urlaubsanspruch und Weltraumphantasien in Rumänien unter Ceaușescu, die Körper ermordeter Republikaner, die bis heute unter Badestränden auf Mallorca liegen und vieles andere mehr. So entsteht ein mehrdimensionales und sinnlich wahrnehmbares Gewebe, das mehr ist, als die Summe seiner künstlerischen Beiträge. Zupft man sinnbildlich an einer Stelle, schwingen viele andere Aspekte mit.
Die formale Breite reicht von Video Essays, performativen Arbeiten und fotografischen Serien über Malerei und Installationen bis zu sprachbasierten und auditiven Arbeiten. Viele Künstler:innen greifen auf eigenes Bild und Tonmaterial aus Familienarchiven zurück, andere arbeiten mit Archivbeständen, Dokumentarfotografien oder Interviews.
Die Ausstellung versteht sich als künstlerischer Beitrag zu einer Debatte, die politisch wie moralisch aktuell bleibt: Wie reisen wir in autoritäre Systeme – damals wie heute – und welche Verantwortung tragen wir?
Angesichts der heutigen Alltäglichkeit von Urlaubsreisen in teils weit entfernte Länder halten wir eine künstlerische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Facetten dieses Erlebens für wichtig. Mit diesen Anregungen wird es eher möglich, sich als Urlauber:in der teils deutlichen Ambivalenz zwischen privaten Ferien und dem nicht selten problematischen gesellschaftlichen Klima im Gastland stellen. Demgegenüber wird diese Spannung von den meisten Menschen in ihrem Urlaub nicht wahrgenommen oder gar verdrängt.
Neben den Konzepten enthalten viele Bewerbungen der Künstler:innen fast unglaubliche Geschichten. Auch diese sollen in der Ausstellung präsent sein. Ergänzt werden diese im Ausstellungssetting durch Beiträge von Besucher:innen, die vorab gesammelt (siehe unten) aber auch während der Laufzeit beigetragen werden können. Durch diese Einstimmung und öffentliche Vorbereitung von Ausstellung und Programm werden die Veranstaltungen im Kontext dieser Rückkopplungen feinjustiert. Personen können ihre Beiträge, Ideen, Eindrücke einbringen. Neben diskursiven Veranstaltungen, die wir immer wieder ausrichten, können so auch ganz andere Veranstaltungsformate als hier folgend beschrieben entstehen.
Ausstellung und Programm finden in der Motorenhalle und in der Runden Ecke statt.
Künstler:innen
Monika Anselment (DE), Thomas Baumhekel (DE), Martin Blazicek (CZ), Roland Boden (DE), Denys Blacker (ES/UK), Ulrike Feser (DE), Lumír Hladík (CA/CZ), Anton Kuznetsov (RU), Julia Mensch (AR), Arwed Messmer (DE), Frederike Moormann (DE), Patricia Morosan (RO), Christoph Otto (DE), Anne Pöhlmann (DE), Annette Riemann/ Tom Theunissen (DE), Maria Safranova (RU), Raiko Sánchez (DE), Nina Schwartz (DE), Stefanie Unruh (DE), Ulrike Weiss (DE), Jörg Zimmer DE)






